09. August 2011 - Sichelschrecke im lippischen Südosten

Sichelschrecken-Weibchen am Kirchberg | Foto: M. Füller

Sorgte im letzten Jahr der Fund der Feldgrille für Aufregung, so ist es aktuell der in unmittelbarer Nähe am Kirchberg bei Lügde erfolgte Nachweis der Sichelschrecke (Phaneroptera falcata). Die von Muschelkalk gebildeten trockenwarmen, südwestexponierten Hänge des Kirchberges am Rande des Emmertales sind bevorzugte Ansiedlungsorte für Wärme liebende Arten.

Wie die Feldgrille, so ist auch die Sichelschrecke in Norddeutschland auf Wärmeinseln und hier insbesondere auf Biotope mit hohen Wärmesummen beschränkt. Der Fundort, ein von Gebüschen umgebener versaumender Halbtrockenrasenrest, entspricht in idealer Weise den Lebensraumansprüchen der Sichelschrecke. Entscheidende Strukturparameter sind neben der geschützten Lage, die vertikalen Vegetationsstrukturen und die umgebenden Gehölze.

Kirchberg
Lebensraum der Sichelschrecke
ein versaumter Halbtrockenrasen

Verbreitung in der Region

Bis in die 1970er Jahre bildete der Main die nördliche Arealgrenze der Sichelschrecke. Seit dem Ende der 1980er Jahre erfolgt in Nordrhein-Westfalen eine zunehmende Ausbreitung entlang der Rheinschiene nach Norden (vgl. Verbreitungskarte des Arbeitskreises Heuschrecken in NRW).  Völlig isoliert erscheint auf der Basis der Daten bis zum Jahr 2008 im Osten von NRW nur ein Fundpunkt im wärmebegünstigten Wesertal bei Höxter, der auch in diesem Jahr wieder bestätigt werden konnte (Dr. M. Lohr, mdl. Mittl.). Wahrscheinlich wurde der lippische Südosten von dieser Population ausgehend über den Ausbreitungsweg entlang der Randhöhen des Emmertales besiedelt.

Allerdings wurde die Art bereits im letzten Jahr südlich des Teutoburger Waldes bei Oerlinghausen durch die Biologische Station Senne  festgestellt. Darüber hinaus sind keine weiteren Nachweise in der Region bekannt. Was angesichts der perfekten Tarnung und des für das menschliche Ohr kaum wahrnehmbaren "Gesanges" (Stridulation) auch nicht verwunderlich ist. Möglicherweise wurden erste Vorkommen in der Region bisher übersehen.

Die flugfähige Sichelschrecke besitzt ein hohes Ausbreitungspotential, so dass auch weitab von permanent ansässigen Populationen Einzeltiere angetroffen werden können. Es bleibt abzuwarten, ob die Beobachtung eines Weibchens am Kirchberg Zeichen einer dauerhaften Ansiedlung ist. 

Faszinierend ist die Eiablage dieser Heuschreckenart: sie legt ihre flachen Eier in Blätter von Laubgehölzen. Dazu ritzt sie die Blätter mit ihrem sichelförmigen Legebohrer seitlich an: eine echte Präzisionsarbeit.

 

Perfekt getarnt | Foto M. Füller

Klimawandel?

Auch wenn die Sommerwochen sich derzeit nicht durch hohe Temperaturen auszeichnen, entscheidend für die Entwicklung der Sichelschrecke ist die Wärmesumme insgesamt. Angesichts des fast schon vergessenen, extrem trocken-warmen Frühjahres ist das Auftreten der Art in diesem Jahr nicht wirklich überraschend.

Die Hinterflügel sind deutlich länger als die Vorderflügel | Foto: M. Füller