Großmuscheln im Schiedersee

Gemeine Teichmuschel| Foto: M.Füller

"Muscheln gibt es doch nur am Meer, oder?"

 

Wer gegenwärtig um den Schiedersee wandert wird eines Besseren belehrt. Der abgesenkte Wasserstand im Zuge des Baues der Emmer-Umflut hat es an den Tag gebracht. Sonst vom Wasser verborgen leben viele Tausend Muscheln im See. Neben Unmengen von kleinen Dreikant- oder Wandermuscheln fallen die großen Schalen der Gemeinen Teichmuschel (Anodonta anatina) besonders auf.

Abgetrenntes zukünftiges Emmerbett
Auf den trocken gefallenen Flächen werden die Muscheln abgesammelt | Fotos: H. Sonnenburg

Mangelnde Mobilität

Der Fuß einer Teichmuschel | Foto: H. Sonnenburg

Auch wenn Muscheln im Schlamm eingegraben bis zu zwei Monate Trockenfallen überdauern können, stellen die notwendigen Arbeiten zur Profilierung des neuen Emmerflussbettes und das weitere Absenken des Wasserstandes eine Bedrohung dar, der sie nicht entgehen können. Die Gemeine Teichmuschel kann sich zwar ungerichtet auf dem Gewässerboden fortbewegen, indem sie den Fuß in den Schlamm gräbt und den Körper nachzieht. Dies ermöglich ihr jedoch nur kleinere Ortsveränderungen. 

Da eine Flucht nicht möglich ist, wurden die vom Ufer aus erreichbaren Großmuscheln auf Initiative von Bernd Mühlenmeier vom Kreis Lippe von unseren Freiwilligen im ökologischen Jahr eingesammelt und in den angrenzenden See umgesetzt. Die weiter entfernt auf den tiefgründigen Schlammflächen sitzenden Muscheln konnten natürlich nicht erreicht werden.

 

Ein seltenes Bild - Muschel auf der Wanderschaft
Dokumentation der Umsiedelungsaktion im Regionalfersehen| Fotos: H. Sonnenburg

Und warum das Ganze?

Vielleicht bald wieder da - die in der Emmer ausgestorbene Bachmuschel| Foto: M. Füller

Der Bau der Emmer-Umflut wird sicherlich einigen Muscheln das Leben kosten. Die Mengen in dem aktuell abgetrennten Bereich zeigen jedoch, dass die Population im angrenzenden See riesig sein muss. Es sind also noch genügend Teichmuscheln da.

 

Man darf hierbei auch nicht das eigentliche Ziel der Maßnahme aus den Augen verlieren. Schließlich geht es um die Wiederherstellung eines intakten, durchgängigen Fließgewässers mit einer naturnahen Dynamik und einer deutlich verbesserten Wasserqualität. 

 

Vielleicht wird dann ja auch die stark gefährdete Bachmuschel wieder zurück kehren, die nach dem Bau des Schiedersees und den daraus resultierenden negativen Auswirkungen auf die Wasserqualität der Emmer, in den angrenzenden Flussabschnitten ausgestorben ist.

Gemeine Teichmuschel|Foto: M. Füller

Wichtig für die Ökologie unserer Gewässer

Muscheln ernähren sich von organischen Partikeln, die sie mit Hilfe der in den Schalen verborgenen Kiemen aus dem Wasser filtern. Mit einer Filterleistung von bis zu 40 Liter / Tag sind sie von großer Bedeutung für die Selbstreinigungskraft unserer Seen und Flüsse. Auch wenn die Gemeine Teichmuschel nicht so anspruchsvoll ist, wie ihre Verwandten die Flussmuscheln, so reagiert auch sie empfindlich auf zunehmende Gewässerverschmutzung. Wie alle heimischen Großmuscheln gehört sie deshalb zu den besonders geschützten Arten.

Eine kleine Namenskunde

Der Namenszusatz "Gemein" im Sinne von "allgemein verbreitet" trifft im Vergleich zu den anderen stark gefährdeten großen Süßwassermuscheln auch heute noch zu. Der wissenschaftliche Name "Anodonta" (= ohne Zähne) weist daraufhin, dass dieser Muschel die leistenförmigen Fortsätze fehlen, die bei anderen Arten der gegenseitigen Verankerung der Schalenhälften dienen. Hier hilft nur pure Muskelkraft. Der ebenfalls gebräuchliche Name "Entenmuschel" -  deshalb der zweite Namensteil "anatina" - dient zur Abgrenzung von der Großen Teich- oder Schwanenmuschel (Anodonta cygnea).

 

Verwirrender Lebenszyklus

Die großen Süßwassermuscheln sind in ihrer Entwicklung auf Fische angewiesen. Aus den befruchteten Eiern der weiblichen Muscheln schlüpfen parasitische Larven (Glochidien), die sich nur weiter entwickeln können, wenn es ihnen gelingt, sich in das Gewebe eines vorbeischwimmenden Fisches einzunisten. Dort entsteht in einer Zyste die Jungmuschel, die nach dem Aufplatzen des sie umgebenden Gewebes nach einigen Wochen auf den Gewässeruntergrund absinkt. Nach etwa 2 bis 5 Jahren werden die Muscheln geschlechtsreif und können bis zu 15 Jahren alt werden.